Die Geschichte der Traditionellen Chinesischen Medizin

Die Geschichte der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) beginnt vor über dreitausend Jahren. So alt sind die ersten überlieferten Quellen, die Orakelknochen. Diese reichen in eine Zeit zurück, die vom Schamanismus und von Magie geprägt war. Beim Heilen von Krankheiten standen bestimmte Riten, Geisterbeschwörungen und Opfergaben im Zentrum. Mit ihrer Hilfe sollten bösartige Geister versöhnt oder vertrieben werden. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass zu dieser Zeit bereits «Nadelbehandlungen» (mit «Nadeln» aus Steinen und Knochen, als Vorläufer der Akupunktur), das «Brennen» (ein Vorläufer der Moxibustion) und verschiedene Massagen angewandt wurden. Aus diesen frühen Formen der Behandlungsmethoden entstand über drei Jahrtausende das bewährte Heilsystem der TCM.

Die Akupunktur entwickelte sich auf der Grundlage der Erfahrung, dass die Einwirkung spitzer Gegenstände auf den Körper Beschwerden lindern kann. Die Systematisierung dieser Beobachtung erfolgte während der Zeit der Streitenden Reiche (475 –221 v. Chr.), zur Zeit der Qin (221 – 206 v. Chr.) und Han (206 v. – 220 n. Chr.) unter dem Einfluss der sich verbreitenden Naturphilosophie mit den Grundtheorien der Yin-Yang- und der 5 Wandlungsphasen Lehre. Im Grab von Mawangdui (168v. Chr.) finden sich neben Texten zu einer Dämonenmedizin systematische Beschreibungen von Krankheiten mit Symptomen, Ursachen und Therapiehinweisen. Letztere lassen eine anspruchsvolle Arzneikunde erkennen. Die damaligen wie heutigen Grundvorstellungen der chinesischen Akupunktur beziehen sich stark auf eine Monographie aus der Han-Zeit, die unter dem Titel „Huangdi Neijing“ (Leitfaden des Gelben Ahnenherrschers, Innerer Band) bekannt ist. Der Teil „Suwen“ (elementare Fragen) wurde in der heute zugänglichen Version von Wang Bing zusammengestellt, ergänzt, kommentiert und etwa im Jahr 775 n. Chr. fertig gestellt. Er enthält die immer noch gültigen Vorstellungen der chinesischen Akupunktur zu Physiologie und Pathologie. Der auf mehrere unbekannte Autoren zurückgehende Teil „Lingshu“ (Achse aller Wunderwirkungen) enthält Anleitungen zur Praxis der Akupunktur und Moxibustion. Historisch entwickelte sich die Akupunktur in China zum Teil unabhängig von der Kräuterheilkunde.

Nachfolgend eine nach Dynastien geordnete Auflistung von Meilensteinen und sehr berühmten Ärzten der folgenden 2000-jährigen Entwicklung der Traditionellen Chinesischen Medizin:

206 v.Chr. – 220 n.Chr. Han Dynastie

Zhang Zhong Jing (150 – 219) schrieb das Buch Shang Han Za Bing Lun (Abhandlung über schädigende Kälte und verschiedeneKrankheiten). Es ist einer der wichtigsten Texte in der chinesischen Medizin. Es ist hauptsächlichein klinisches Werk, welches erstmals komplexe Rezepturen aufgrund eines pathophysiologischen Verständnisses von Krankheitsmustern darstellt. Hua Tuo (145 - 208) war ein berühmter chinesischer Arzt zur Zeit der Östlichen Han-Dynastie. Er soll als erster Arzt Anästhesie bei seiner Operation angewendet haben. Hua Tuo war auch einer der ersten Ärzte, die Gymnastik als Heilmethode vorschlugen. Er entwickelte das Bewegungssystem „Kunst der fünf Tiere“ (Wu Qin Xi), die der Patient zu imitieren hatte: Tiger, Hirsch, Bär, Affe und Kranich.

265 – 420 Jin Dynastie

Wang Shu He schrieb das Buch Mai Jing über die Pulsdiagnostik.

581 – 618 Sui Dynastie

Der berühmte Arzt Sun Si-miao (581 – 682) schrieb Bücher über Arzneimitteltherapie und Akupunktur. Er ist der Vater der modernen Akupunktur-Leitbahnen-Poster, welche in dieser Art zum ersten Mal in seinen Büchern gefunden wurden. Er war eine Pionier der Windpockenimpfung. Er formulierte als erster Arzt die medizinische Ethik.

960 – 1368 Song,- Jin,- und Yuan-Dynastien

Eine Periode grosser Entwicklung und Spezialisierung prägte diese Zeit und ermöglichte das Entstehen vieler «neuer» Theorien. Die vier berühmtesten Theorien werden von den vier Meistern dieser Zeit verfasst: Liu Wan-su gründet die «Schule des Kühlens»; Zhang Cong-zheng konzipierte die «Schule des Abführen»; Li Gao gründete die «Schule der Stärkung der Erde»; und Zhu Dan-xi verfasst die Schule der «Stärkung von Yin». Ihre Werke werden von vielen Experten noch heute als grundlegend in der Behandlung von neuzeitlichen Krankheiten angesehen. In der Yuan Dynastie wurde die erste  medizinische Universität ins Leben gerufen.

1368 – 1643 Ming Dynastie

Yang Ji-zhou schrieb Zhen Jiu Da Cheng (Das Grosse Buch der Akupunktur) und Li Shi-zhen verfasste den Ben Cao Gang Mu (Materia Medica). Der Zhen Jiu Da Cheng enthält bereits 667 der heute 670 akzeptierten Akupunkturpunkte. Im Ben Cao Gang Mu wurden ungefähr 2000 Arzneimittel nach der Theorie der TCM beschrieben und klassifiziert.

1644 – 1911 Qing Dynastie

Unter dem Einfluss westlicher Ideologien wurde Kritik an der «alten» Medizin laut. So schrieben verschiedene berühmte Ärzte über die Fehler der Medizin. Das berühmteste Buch ist Wang Qing-ren's Yi Lin Gai Cuo (Die Fehler des medizinischen Waldes). In Anlehnung an das beinahe 1500 Jahre früher entwickelte Konzept von Kälteschaden verfassen verschiedene Autoren Bücher zu Wärme-Krankheiten. Ye Tian-shi, als einer der berühmtesten Autoren zu diesem Thema, veröffentlicht seine Theorien im heute als Klassiker geltenden Wen Re Lun (Das Buch der Wärmekrankheiten). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten westliche Mächte mit Waffengewalt den Zugang zu den chinesischen Märkten erzwungen und den ersten (1839–1842) und zweiten Opiumkrieg (1856 bis 1860) geführt. Westliche Medizin und Wissenschaft wurden vor allem in den Städten mehr und mehr angewandt. Es gab Überlegungen, die traditionelle Medizin schließlich grundsätzlich abzuschaffen.

1911-

Nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 kam es unter Mao Zedong zu einer staatlich vorangetriebenen Gegenbewegung. Er wollte die ländliche Bevölkerung des riesigen Reiches bei begrenzten Mitteln trotzdem ärztlich versorgen. Er trieb Pflege und Kontrolle der althergebrachten Heilkunst, die gerade in der ländlichen Bevölkerung verbreitet war, wieder voran. Mit den „Barfußärzten“, in Kurzlehrgängen ausgebildeten Medizinpraktikern, wurde die medizinische Versorgung flächendeckend organisiert. Neue Hochschulen für die chinesische Medizin wurden gegründet. Sie vermitteln die überlieferte Heilkunde im Rahmen eines einheitlichen Theoriesystems und haben jeweils eigene Fachbereiche für Akupunktur und Moxibustion, Qigong, Ernährungslehre und Grundlagenforschung.

Im modernen China ist die TCM stark mit der westlichen Medizin verbunden, stärker als dass dies der Fall im Westen ist. Obwohl es eigene Spitäler für Chinesische Medizin und für westliche Medizin gibt, beinhaltet das institutionalisierte Studium der TCM auch westliche Medizin.